- INTERVIEW
Interview mit Die Presse
Interview von Frank Elderson, Mitglied des Direktoriums der EZB und stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsgremiums der EZB, mit Aloysius Widmann am 14. Oktober 2026
20. Oktober 2026
Banken beklagen nahezu einhellig die hohen Regulierungskosten. Haben sie damit recht, oder sind diese Kosten für die Stabilität des Bankensystems notwendig?
Frank Elderson: Wir sollten die Finanzkrise von 2008 nicht vergessen. Sie hat enorme Kosten verursacht, nicht nur für die Banken, sondern auch für Haushalte, Unternehmen, Steuerzahler und die Gesellschaft insgesamt. Diese Kosten übersteigen jene der Regulierung bei Weitem. Die regulatorischen Reformen nach der Krise haben die europäischen Banken wesentlich widerstandsfähiger gemacht. Heute sind die Banken gut kapitalisiert, verfügen über hohe Liquidität und sind im Durchschnitt profitabler als seit vielen Jahren.
Aber ließe sich die Aufsicht nicht vereinfachen, ohne die Stabilität des Sektors zu gefährden?
Ja, Regulierung und Bankenaufsicht sind mit der Zeit komplexer geworden. Das liegt auch daran, dass die Banken selbst sehr unterschiedlich sind und in einem zunehmend komplexen Umfeld arbeiten. Auch die Risiken sind vielschichtiger geworden, sie reichen von geopolitischen Spannungen über Cyberrisiken sowie Klima- und Naturrisiken bis zur Künstlichen Intelligenz.
Aber Komplexität ist kein Selbstzweck. Natürlich fragen wir uns ständig, ob wir unsere Ziele als Aufsicht auch mit einfacheren Regularien erreichen können. Und wir haben bereits eine ganze Reihe an Maßnahmen ergriffen. Wir haben die Meldepflichten reduziert und Prozesse beschleunigt. Wichtig ist: Vereinfachung bedeutet nicht Deregulierung. Und Widerstandsfähigkeit ist die Grundlage für nachhaltiges Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit.
Regulatorik bedeutet Kosten und Kosten können ein Wettbewerbsnachteil sein. Wo sehen Sie die größten Hindernisse für die internationale Wettbewerbsfähigkeit europäischer Banken?
Das größte Hindernis für die Wettbewerbsfähigkeit Europas ist die Fragmentierung. Wir haben zwar Fortschritte gemacht, aber Europa verfügt noch immer nicht über einen wirklich einheitlichen und integrierten Bankenmarkt. Grenzüberschreitende Bankgeschäfte sind nach wie vor begrenzt. Banken können Skaleneffekte, eine stärkere Diversifizierung sowie eine effizientere Verteilung von Kapital und Liquidität innerhalb der europäischen Wirtschaft nicht vollständig nutzen. Diese Fragmentierung führt zu höheren Kosten, geringerer Effizienz und weniger Möglichkeiten, jene Größe zu erreichen, die für den internationalen Wettbewerb notwendig ist. Das betrifft nicht nur den Bankensektor, sondern auch viele andere Sektoren: Wir sprechen von einem Binnenmarkt, haben aber in Wahrheit noch keinen einheitlichen Markt.
Wenn Fragmentierung die Diagnose ist, ist Integration die Therapie – und nicht Deregulierung. Wir müssen den Binnenmarkt, die Spar- und Investitionsunion sowie die Bankenunion vollenden. Dies schließt die Schaffung eines europäischen Einlagensicherungssystems ein.
Vereinfachung und Integration sind zwei Seiten derselben Medaille, nämlich der Agenda für Wettbewerbsfähigkeit. Wir benötigen beide, und zwar gleichzeitig. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, dass das Bankenreformpaket der Europäischen Kommission beide Seiten zusammenhält.
Wie stark würde ein vollständig integrierter Bankenmarkt die grenzüberschreitende Kreditvergabe tatsächlich fördern? Lokale Banken kennen ihre Kunden am besten. Und in Ländern wie Österreich ist der Wettbewerb schon jetzt sehr groß.
Ich habe keine Kristallkugel. Aber es ist klar, dass ein einheitlicher Markt mit hunderten Millionen Kunden zu mehr Wettbewerb, besseren Produkten und mehr Risikoteilung führen würde. Die Banken wären auch besser in der Lage, Zukunftsinvestitionen zu finanzieren, die Herausforderungen sind mit der Klima- und Naturkrise, der Energiewende und der Demografie riesig.
Aktuell machen die Unterschiede bei den Rechtsrahmen, Insolvenzbestimmungen und Verbraucherschutzregelungen grenzüberschreitende Bankgeschäfte nach wie vor unnötig komplex und kostspielig. Niemand zwingt uns in Europa, die Barrieren am Markt beizubehalten. Wir haben sie selbst geschaffen, wir können und sollten sie auch beseitigen, und zwar dringend. Und angesichts der enormen Investitionsherausforderungen sollten wir keine Zeit verlieren.
Andere Länder könnten ihre Banken durch eine lockerere Umsetzung von Basel III entlasten. Würde Europa dadurch nicht an Wettbewerbsfähigkeit verlieren?
Das Bankgeschäft ist global. Kapital fließt über Grenzen hinweg, Banken sind miteinander verflochten, und Risiken machen normalerweise nicht an Staatsgrenzen halt. Deshalb sind internationale Standards so wichtig. Wir wollen, dass Banken danach konkurrieren, wie effizient und innovativ sie sind und wie gut sie ihre Risiken steuern, und nicht danach, wer unter den lockersten Regeln arbeitet. Dank der Baseler Standards passiert dies auch, da wir weitgehend gleiche internationale Wettbewerbsbedingungen geschaffen haben. Die Baseler Standards bilden einen Mindestmaßstab für Bankenregulierung und Aufsicht. Natürlich gibt es auch Raum für nationale Unterschiede, wenn sie begründet, sorgfältig ausgerichtet und durch Nachweise untermauert sind. Aber in einem globalen Finanzsystem, in dem sich Schocks international ausbreiten können, tragen politische Entscheidungsträger eine gemeinsame Verantwortung dafür, Mindeststandards einzuhalten. Nur weil man die Standards senkt, verschwinden die Risiken ja nicht. Die Aufsicht muss die Risiken nach wie vor bewerten und dafür sorgen, dass die Banken ihnen angemessen Rechnung tragen. Die Lockerung der Säule-1-Anforderungen sorgt daher unter Umständen lediglich dafür, dass sich die Belastung von der Regulierung zur Aufsicht verschiebt.
Sie fordern mehr Verhältnismäßigkeit in der Aufsicht, also größere Rücksicht auf die Größe und Komplexität der beaufsichtigten Institute…
Verhältnismäßigkeit hat nicht zum Ziel, die Aufsicht zu schwächen. Es geht vielmehr darum, die Aufsicht besser auf die Banken abzustimmen, und zwar nach Kriterien wie Größe, Komplexität und Risikoprofil. Dies ist im rechtlichen Rahmen bereits verankert. Es gibt zum Beispiel die Kategorie kleiner und nicht komplexer Institute, die deutlich geringeren Meldeanforderungen unterliegen. Sie müssen nur bis zu 30 Prozent jener Daten melden, die große Banken melden müssen.
Aber es gibt Spielraum, um hinsichtlich der Verhältnismäßigkeit mehr zu tun. Und ich bin ein überzeugter Befürworter davon, genau das in Angriff zu nehmen. Aktuell liegt die Schwelle, ab der eine Bank als klein und nicht komplex gilt, bei einer Bilanzsumme von fünf Milliarden Euro. Durch eine Anhebung dieser Schwelle auf zehn Milliarden Euro, könnten rund 150 zusätzliche Banken unter das vereinfachte Regime fallen. Eine andere Möglichkeit wäre, die Intervalle der aufsichtlichen Prüfung auszuweiten, wo das Risikoprofil dies erlaubt. Bei Stresstests könnten wir stärker auf Daten zurückgreifen, die uns bereits vorliegen. All diese Änderungen würden den Aufwand für kleinere und weniger komplexe Banken reduzieren.
Wo liegt die Grenze solcher Erleichterungen?
Die Grenze ist das Risiko. Verhältnismäßigkeit darf nur so weit gehen, wie es das Risikoprofil einer Bank erlaubt und wie sie unsere Fähigkeit, Finanzstabilität sowie Sicherheit und Solidität der Banken zu gewährleisten, nicht beeinträchtigt. Die grundlegenden aufsichtsrechtlichen Standards sollten unverändert bleiben. Banken müssen weiterhin über eine solide Unternehmensführung, wirksames Risikomanagement, ausreichend Kapital und Liquidität sowie Widerstandsfähigkeit gegenüber neuen Risiken verfügen. Eine intelligentere, verhältnismäßigere Aufsicht würde nicht nur die Banken entlasten, sondern auch bei uns Aufsehern Ressourcen freimachen, um uns auf die wichtigsten Risiken zu konzentrieren.
Welche Risiken bringt künstliche Intelligenz für Banken?
KI birgt für Banken ein enormes Potenzial. Sie kann das Risikomanagement verbessern, bei der Verarbeitung von Informationen helfen, die Betrugserkennung stärken und die Effizienz erhöhen. Aber jede transformative Technologie bringt auch Risiken mit sich.
Ein Bereich, der Anlass zur Sorge gibt bereitet, sind die Cyberrisiken. Fortgeschrittene KI-Modelle können Schwachstellen rascher entdecken und ausnutzen. Darum haben wir die Banken im Juli aufgefordert, ihre Cybersicherheitsmaßnahmen neu zu bewerten sowie ihre IT-Budgets und Personalausstattung zu überprüfen. Bis Ende Oktober sollen sie uns konkrete Aktionspläne zur Bewältigung KI-bezogener Cyberrisiken vorlegen.
Banken dürfen auch nicht übermäßig abhängig von KI-Modellen sein. Die Technologie bietet viele Vorteile, sie kann zum Beispiel die Kreditwürdigkeitsprüfung besser machen. Aber Banken müssen auf Verzerrungen und blinde Flecken achten, sie dürfen Entscheidungen nicht einfach blind dem Algorithmus überlassen. Ein drittes Thema ist die Datenqualität, KI ist nämlich nur so gut, wie die Daten, mit denen sie trainiert wird. Und viertens entstehen operative Abhängigkeiten zum Beispiel von Cloud-Anbietern. Weil es nur eine begrenzte Zahl solcher Anbieter gibt, entstehen erhebliche Konzentrationsrisiken.
Der KI-Investitionsboom in den USA wird zunehmend über „Private Credit“ – also Kredite außerhalb des Bankenwesens – und Unternehmensanleihen finanziert. Ob die KI-Firmen die versprochenen Profite, mit denen sie die Investitionen rechtfertigen, auch einfahren, muss sich erst zeigen. Inwiefern entstehen hier auch Risiken für europäische Banken?
Der wichtigste Aspekt in diesem Zusammenhang sind Verflechtungen zwischen Banken und Nichtbanken. Wir nehmen dieses Thema sehr ernst und wollen, dass sich auch die Banken dieser Risiken sehr bewusst sind.
Ein stärker diversifiziertes Finanzsystem ist eine gute Sache. Europa benötigt enorme Investitionen, um seine strategischen Prioritäten zu verfolgen. Und neben den Banken kann marktbasierte Finanzierung hier eine Rolle spielen. Bestimmte andere Akteure können bestimmte Risiken besser tragen als Banken. Aber wenn Kreditvergabe aus dem Bankensystem abwandert, bedeutet das nicht zwingend, dass auch sämtliche damit verbundenen Risiken abgewandert sind. Diese Risiken können aufgrund der Verflechtungen zwischen Banken und Nichtbanken auf das Bankensystem zurückwirken. Es könnte zum Beispiel sein, dass eine Bank nicht nur einem Private-Credit-Anbieter Geld leiht, sondern gleichzeitig auch Unternehmen finanziert, denen dieser Anbieter Kredite gewährt. Dadurch können Risikokonzentrationen entstehen, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind, sich aber manifestieren, wenn etwas schiefgeht. Deshalb müssen Banken ihre Verflechtungen sehr genau prüfen und dafür sorgen, dass sie diese angemessen steuern können.
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