- INTERVIEW
Interview mit Perspektiven der Wirtschaftspolitik
Interview mit Claudia Buch, Vorsitzende des Aufsichtsgremiums der EZB, geführt von Karen Horn
13. Mai 2026
Frau Professorin Buch, die geopolitische Lage erscheint derzeit unangenehm labil, und Europa ist zwischen aggressiven Großmächten in einer schwierigen Position. Muss man sich in dieser Situation auch noch um unsere Banken Sorgen machen?
Im Moment sehen die Indikatoren für den Bankensektor gut aus. Die Kapitalisierung ist im Vergleich zur Zeit der der Finanz- und Schuldenkrise gestiegen und recht stabil. Die Liquiditätslage ist gut. Die Profitabilität der Banken hat sich verbessert, stark getrieben durch die höheren Zinsen im Vergleich zur Niedrigzinsphase. Der Anteil notleidender Forderungen, der in der Finanz- und europäischen Schuldenkrise stark gestiegen war, ist im Durchschnitt von 7,5 Prozent im Jahr 2015 auf zuletzt rund 2 Prozent gesunken. Besonders positiv ist die Veränderung in den Ländern, in denen die notleidenden Forderungen sehr viel höher lagen, wie in Griechenland, Zypern, oder Spanien. In allen Ländern liegen die notleidenden Forderungen der Banken jetzt klar im einstelligen Bereich. Der ganz leichte Anstieg, den man in den jüngsten Jahren beobachtet … wollen Sie raten, wo es den gegeben hat?
Bei uns?
Genau – in jenen Ländern, wo der Anteil der notleidenden Forderungen in der Krise sehr niedrig war, also zum Beispiel in Deutschland oder Österreich. Insgesamt ändert das aber nichts an der deutlich gestärkten Resilienz des europäischen Bankensektors. Dies ist das Ergebnis einer besseren Regulierung und Aufsicht und eines verbesserten Risikomanagements der Banken. Dabei darf man nicht vergessen, dass die Schocks der zurückliegenden Jahre – die Covid-19-Pandemie und die Energiekrise im Zusammenhang mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine – sehr stark fiskalisch abgefangen worden sind. Das hat diese großen Schocks gar nicht erst auf die Bilanzen der Banken durchschlagen lassen.
Wird das so bleiben?
Es gibt tatsächlich eine ganze Reihe von Risiken, allen voran geopolitische Risiken. Die Effekte der Zollerhöhungen durch die amerikanische Regierung und höhere Energiepreise kommen nur schrittweise bei den Unternehmen und in den Bilanzen der Banken an. Für die Banken ist es jetzt wichtig, nach vorne blickend die Risiken einzuschätzen, zu managen, und damit ihre Resilienz zu sichern. Die Aufsicht unterstützt das mit klaren Prioritäten: Erstens fokussieren wir uns auf eine bessere Widerstandsfähigkeit der Banken gegenüber makroökonomischen und geopolitischen Risiken, einschließlich Klima und Umweltrisiken, und zweitens müssen Banken operativ resilient sein, also etwa mit Cyberrisiken umgehen können und robuste interne Informationssysteme zur Steuerung von Risiken haben.
Die EZB beaufsichtigt aktuell rund 112 große europäische Banken direkt. Haben Sie den Eindruck, dass diese Banken über Ihre unterstützende, sie aber doch an der kurzen Leine haltende Aufsicht froh sind – oder fühlen sie sich gegängelt?
Diese Frage müssten Sie besser den Banken selbst stellen. Natürlich stoßen Aufsicht und Regulierung nicht immer auf Begeisterung. Deshalb stehen wir mit den Banken in einem engen Dialog und gestalten unsere Prozesse möglichst effizient und nachvollziehbar. Insgesamt glaube ich daher, dass die Vorteile der europäischen Aufsicht in den Banken sehr wohl wahrgenommen werden. Wir können heute sehr viel besser als zu Beginn der Bankenunion Banken miteinander vergleichen, für einheitliche Standards sorgen, den Banken Informationen über „Good practices“ im Sektor liefern. Bei den weniger signifikanten Banken haben wir eine koordinierende Funktion, denn diese Banken werden weiterhin auf der nationalen Ebene beaufsichtigt. Gerade in Deutschland betrifft das einen relativ großen Teil des Bankensektors mit knapp 40 Prozent der Aktiva der Banken im Vergleich zum Euroraum insgesamt mit 16 Prozent. Ein Großteil dieser weniger signifikanten Banken sind als „kleine und nicht komplexe Institute“[1] klassifiziert und wird schon heute im Meldewesen deutlich entlastet.
Es gibt durchaus eine wissenschaftliche und politische Debatte darüber, ob Regulierung und Aufsicht über die Banken nicht zu weit gegangen und zu komplex sind, das Wachstum behindern und die internationale Wettbewerbsfähigkeit schwächen.
Ich denke nicht, dass das stimmt, aber wir nehmen diese Diskussion dennoch sehr ernst. Wir haben eine umfangreiche Reformagenda, um unsere Prozesse zu vereinfachen, effizienter, effektiver und risikobasierter zu werden. Unsere aufsichtlichen Standards senken wir nicht ab – im Gegenteil, die Resilienz der Banken zu schützen, ist für uns zentral. Was die Diskussion um die internationale Wettbewerbsfähigkeit angeht, so haben wir mit den Standards des Basel-Komitees internationale Mindeststandards – was nicht bedeutet, dass alle Regulierungen genau gleich sein müssen; bei der nationalen Umsetzung gibt es Spielräume. Insgesamt sind die Kapitalanforderungen europäischer Banken mit denen in anderen großen Jurisdiktionen vergleichbar. Und empirisch zeigt sich klar: Gut kapitalisierte Banken sind tendenziell effizienter, profitabler und damit wettbewerbsfähiger.
Warum dann die ständigen Klagen über eine erhöhte Eigenkapitalunterlegung?
Eigenkapital ist eine Finanzierungsform wie jede andere, welche Banken aber im Vergleich zu Verschuldung als teuer wahrnehmen. Ein Grund hierfür können implizite fiskalische Garantien sein: Wenn Einleger oder andere Kreditgeber damit rechnen, dass in einer Krise der Staat einspringt und Verluste auffängt, dann reflektieren die Kosten des Fremdkapitals nicht die tatsächlichen Risiken. Und auch die unterschiedliche Besteuerung von Fremd- und Eigenkapital spielt eine Rolle: Fremdkapitalzinsen sind in der Regel steuerlich abzugsfähig. Aus gesellschaftlicher Sicht dominieren aber klar die Vorteile einer angemessenen Ausstattung der Banken mit Eigenkapital: Gut kapitalisierte Banken können mögliche Verluste aus eigener Kraft auffangen, der Staat muss dann nicht mit Steuermitteln einspringen. Gut kapitalisierte Banken können mehr Kredite vergeben und Risiken besser tragen. Gerade in Krisenzeiten ist das wichtig.
Spielt der Zeithorizont des Bankenmanagements hier eine Rolle?
Mit Sicherheit. Wer nur auf die nächsten Quartale schaut, wählt unter Umständen risikoreichere Strategien, um kurzfristig die Profitabilität einer Bank hochzutreiben. Ein geringeres Eigenkapital erhöht automatisch die Eigenkapitalrendite. Aber gleichzeitig wird die Bank risikoreicher; falls sie in Schieflage gerät, ist weniger Haftungskapital da. Daher betrachten wir aus aufsichtlicher Sicht die langfristige Tragfähigkeit von Geschäftsmodellen der Banken. Wenn Banken beispielsweise Aktienrückkäufe vornehmen möchten, die wir genehmigen müssen, müssen sie uns eine solide mittelfristige Kapitalplanung über einen Zeitraum von drei Jahren vorlegen.
Wie sieht es mit dem Too-big-to-fail-Risiko aus? Haben wir das jetzt im Griff?
Es hat ja ein ganzes Bündel an Reformen gegeben, um die negativen externen Effekte großer Banken für die Finanzstabilität zu adressieren. Erstens gibt es jetzt den Single Resolution Mechanism, eine neue europäische Institution mit dem für die Abwicklung von Banken notwendigen regulatorischem Rahmenwerk. Es gibt einen von der Industrie finanzierte Fonds, um die Kosten von Schieflagen zu tragen. Zweitens müssen Großbanken jetzt höhere Eigenkapitalanforderungen erfüllen; der Zuschlag soll ihre systemische Externalität einfangen. Außerdem gibt es zusätzliche Anforderungen an bail-in-fähiges Fremdkapital, das in einer Krise in Haftungskapital gewandelt werden kann. Drittens gibt es eine intensivere Aufsicht. Zu diesen Reformen gab es schon vor einigen Jahren einen umfangreichen Evaluierungsbericht des Financial Stability Board (FSB).[2] Dieser zeigt Fortschritte. Beispielsweise reflektiert die Bepreisung der von Banken emittierten Anleihen deren Risiken inzwischen besser. Die Anreize auf Seiten der Banken, keine übermäßigen Risiken einzugehen, sind damit besser gesetzt. Aber der Bericht zeigt auch, dass es noch offene Baustellen gibt. In Europa fehlt beispielsweise nach wie vor eine gemeinsame Einlagensicherung. Und bei der Frage, wie in einem Abwicklungsfall Liquidität bereitgestellt wird, gibt es offene Punkte. Diese Lücken zu schließen ist zentral, um das System krisenfest zu machen.
Jede Aufsicht kann nur so gut sein, wie sie institutionell aufgestellt ist. Was zeigt die Erfahrung – verfügen Sie für die europäische Bankenaufsicht über hinreichende Mittel, was Personal, Instrumentarium und Sanktionsmöglichkeiten angeht?
Bei uns in der EZB sind insgesamt rund 1.500 Personen in der Aufsicht tätig, und wir arbeiten sehr eng mit den Kolleginnen und Kollegen in den nationalen Behörden zusammen. Damit sind wir personell zwar gut aufgestellt, aber natürlich müssen wir Prioritäten setzen. Hinsichtlich der aufsichtlichen Instrumente haben wir recht umfangreiche Möglichkeiten, bis hin zur Verhängung von Sanktionen, wenn Banken beispielsweise gegen unmittelbar anwendbare EU-Rechtsvorschriften verstoßen. Wir können periodische Zwangsgelder erheben, wenn wir zu dem Urteil gelangen, dass eine Bank rechtsverbindlichen Verpflichtungen nicht nachkommt und die festgestellten Defizite innerhalb einer von uns gesetzten Frist nicht behoben hat. Diese Instrumente setzen wir proportional ein: Wo nötig, nutzen wir das Instrumentarium, das uns der Gesetzgeber zur Anwendung gegeben hat, aber schrittweise und in einem strukturierten Prozess, sodass sich die Banken darauf einstellen können.
Wie läuft das konkret ab?
Ein Beispiel ist das Risikomanagement von Banken, um Klima- und Umweltrisiken zu identifizieren, zu bewerten und zu steuern. Lassen Sie mich ein Beispiel geben, warum das für die Aufsicht relevant ist: Vergeben Banken Kredite in Regionen, die von physischen Risiken wie Überschwemmungen bedroht sind, müssen sie das bei der Bewertung von Sicherheiten berücksichtigen. Seit dem Jahr 2019 haben wir einen stärkeren Fokus darauf gelegt, wie Banken Klima- und Umweltrisiken handhaben. Viele Banken hatten zu diesem Zeitpunkt Klimarisiken kaum im Blick. Inzwischen hat die Situation deutlich verbessert, auch weil wir schrittweise vorgegangen sind und klare Erwartungen formuliert haben. Im Jahr 2020 haben wir zunächst einen Leitfaden zu Klima- und Umweltrisiken veröffentlicht — um transparent zu machen, wie Banken Klimarisiken steuern und offenlegen sollten. Im Jahr 2022 haben wir einen Stresstest zu Klimarisiken durchgeführt und die Institute darüber informiert, wo aus unserer Sicht das Risikomanagement verbessert werden kann. Im Fall von relevanten Mängeln haben wir verbindliche Beschlüsse erlassen, die auch die mögliche Verhängung von Zwangsgeldern beinhalten, falls Banken die Anforderungen nicht erfüllen. Diese Möglichkeit mussten wir aber nur in ganz wenigen Fällen nutzen. Bei all diesen Maßnahmen ist es für uns zentral, verhältnismäßig zu bleiben: Wir beginnen mit inhaltlicher Überzeugungsarbeit und passen unsere Instrumente an, wenn eine Bank nicht genug oder nicht ausreichend schnell handelt.
Sie sprachen vorhin die noch fehlende Einlagensicherung an. Warum ist das so eine Hängepartie?
Das ist in hohem Maße eine politische Frage. Die europäische Bankenunion ist mit drei Säulen konzipiert: Aufsicht, Abwicklung und Einlagensicherung. Die ersten beiden Säulen stehen bereits seit einem Jahrzehnt. Bei der Einlagensicherung gab es zunächst die Frage, wie mit den hohen notleidenden Forderungen zu Beginn der Bankenunion umgegangen werden sollte. Inzwischen wurden die Altlasten erheblich reduziert, die notleidenden Forderungen in den Bilanzen der Banken sind aktuell niedrig, aber nach vorne gerichtet gibt es Risiken. Deswegen ist jetzt die richtige Zeit, über eine europäische Einlagensicherung konkret nachzudenken.
Sehen Sie da Bewegung?
Mein Eindruck ist, dass in den politischen Prozess wieder eine gewisse Dynamik kommt. Ein Ziel der Bankenunion ist es ja, den Banken-Staaten-Nexus zu brechen, also die gegenseitige Abhängigkeit der Risiken von Banken und Staaten. Inzwischen haben wir über den Single Resolution Fund zwar mehr Mittel der Industrie, um mit Schieflagen umzugehen. Aber eine europäische Einlagensicherung wäre ein zentraler Schritt, um Risiken weiter zu entkoppeln und sicherzustellen, dass alle Einleger gleichermaßen geschützt sind. Sie würde zudem die Marktintegration fördern: Derzeit sind nur knapp 2 Prozent der Depositen grenzüberschreitend angelegt, der europäische Bankenmarkt ist weiterhin sehr stark national segmentiert. Die unvollständige Marktintegration ist das eigentliche strukturelle Thema für die Wettbewerbsfähigkeit der Banken – weit mehr als die Frage, wie Regulierung oder Aufsicht im internationalen Vergleich ausgestaltet sind. Und ich bin überzeugt, dass die Kunden der Banken von einem besser integrierten Markt profitieren würden.
Sind die sich nun neu aufbauenden Risiken regional unterschiedlich verteilt und könnte das im politischen Einigungsprozess in Sachen Einlagensicherung ein Hemmschuh sein? Analog zum Beispiel dazu, dass das geopolitische Risiko der Bedrohung durch Russland im Süden Europas weniger deutlich empfunden wird als in den osteuropäischen Staaten, was für die kollektive Verteidigungskapazität Europas ein Problem ist? Sieht man auch die Notwendigkeit einer Einlagensicherung regional unterschiedlich?
Das glaube ich nicht. Kleine, regional tätige Banken können genauso wie große, internationale Institute von geopolitischen Risiken betroffen sein. Ein Beispiel sind Cyberrisiken, die jede Bank betreffen können, und die oft stark geopolitisch motiviert sind. In den vergangenen Jahren haben wir nicht nur sehr viel mehr sondern auch sehr viel schwere Cyberangriffe auf Banken gesehen. Und nicht immer stehen diese Angriffe im Zusammenhang mit der räumlichen Nähe zu Krisengebieten. Gerade weil geopolitische Risiken alle Banken betreffen können, haben wir vor zwei Jahren ein Rahmenwerk für den Umgang mit geopolitischen Risiken entwickelt. Dieses Rahmenwerk bildet die Kanäle ab, über die sich geopolitische Risiken auf Banken übertragen.
Welche sind das?
Ein wichtiger Kanal sind die Finanzmärkte – plötzlich steigende Risikoprämien und Neubewertungen an den Märkten auf Grund geopolitischer Ereignisse, wie wir es etwa nach der Ankündigung neuer Zölle im April 2025 gesehen haben. Die Realwirtschaft spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Wenn Unternehmen stark von Zöllen, einer Unterbrechung von Lieferketten oder höheren Energiepreisen betroffen sind, kann die Qualität der Kreditportfolios sinken. Und es gibt konkrete operative Risiken über Cyberangriffe und Outsourcing. Das Spektrum ist sehr breit. Wir arbeiten gerade mit den Banken daran, besser zu verstehen, wie sie von geopolitische Stressszenarien betroffen wären und wie sie darauf reagieren würden. Im vergangenen Jahr haben wir einen europäischen Stresstest durchgeführt mit einem für alle Banken einheitlichen Szenario im Hinblick auf Zölle und Verwerfungen auf dem Finanzmarkt. Grundsätzlich haben die Banken ausreichende Kapitalpuffer, um Verluste in einem adversen Szenario aufzufangen. Jetzt haben wir diese Methodik umgedreht und führen einen „Reverse stress test“ durch. Wir geben den Banken den Kapitalverlust vor, nämlich 300 Basispunkte, und fragen, welches adverse Szenario zu einem solchen Kapitalverlust führen würde. Dieser Stresstest baut auf den internen Risikomanagement-Instrumenten der Banken auf – das senkt den Aufwand, den die Banken mit Stresstests haben.
Was ist dabei herausgekommen?
Die zusammenfassenden Ergebnisse werden im Sommer vorliegen, aber wir arbeiten bereits jetzt mit den Banken daran, ihre Szenerien zu und Konsequenzen daraus verstehen.
Sie sprachen die nationale Fragmentierung des europäischen Bankenmarkts an. Was wäre der Nutzen einer stärkeren Integration?
In den einzelnen nationalen Märkten gibt es unterschiedliche rechtliche, steuerliche und institutionelle Rahmenbedingungen für die Banken. Das macht grenzüberschreitende Aktivitäten teuer. Ein echter Binnenmarkt für Banken würde das System vereinfachen, eine bessere Teilung von Risiken ermöglichen und es den Banken erleichtern, Skaleneffekte und Effizienzvorteile zu nutzen. Natürlich kann mehr Wettbewerb dazu führen, dass Banken risikoreichere Strategien entwickeln oder dass einzelne Banken aus dem Markt ausscheiden müssen. Aber gerade deswegen haben wir ja ein europäisches Aufsichts- und Abwicklungsregime.
Zurück zu den Risiken für den Bankensektor. Üblicherweise werden zu den Risiken auch die Schattenbanken gezählt, auch Nichtbankensektor genannt.
In der Tat. Seit der Finanzkrise sind die Banken besser reguliert und resilienter. Ihre Fähigkeit, die Wirtschaft mit Dienstleistungen zu versorgen oder Kredite zu vergeben, hat darunter nicht gelitten. Im Gegenteil: Sie sind besser auf schwierigere Zeiten vorbereitet. Aber gleichzeitig hat sich global der Nichtbankensektor ausgeweitet. Zum einen sind dies Pensionsfonds und die Versicherungen, die andere Funktionen als Banken haben und entsprechend reguliert sind. Zum anderen gibt es einen wachsenden Bereich nicht-börsengehandelter Titel und Fremdfinanzierungen – „Private Credit“ oder „Private Markets“. Wir schauen uns genau an, ob hieraus Risiken für Banken entstehen. Teile dieser Märkte weisen eine relativ hohe Verschuldung auf, die Intransparenz, wer mit wem verflochten ist und wer wem Kredite gibt, ist vergleichsweise hoch. Oft sind Banken eng mit den privaten Märkten verbunden. Das müssen Banken in ihrem Risikomanagement abbilden, und generell brauchen wir mehr Informationen, um Risiken besser abschätzen zu können.
Wie kommt das voran?
Der Financial Stability Board arbeitet daran, global mehr Transparenz herzustellen, aber die Umsetzung seiner Vorschläge ist noch zu langsam. Im Interesse der globalen Finanzstabilität ist es wichtig, dass wir mehr über den Nichtbankensektor wissen und Systemrisiken adressieren.
In ihrem eigenen Haus haben Sie einige Reformen in Gang gesetzt, um ihre Prozesse der Bankenaufsicht zu entschlacken. Was tun Sie da und wieso ist das nötig?
Wir haben viel erreicht bei der Etablierung einheitlicher Standards und Methoden – aber dabei sind unsere Prozesse im Laufe der Zeit recht komplex geworden. Gleichzeitig müssen wir mit einem völlig veränderten Umfeld umgehen – mit geopolitischen Risiken, aber auch mit der Digitalisierung des Finanzsektors. Daher verschlanken wir jetzt alle wesentlichen aufsichtlichen Prozesse. Die Kolleginnen und Kollegen brauchen Freiräume, um sich auf das fokussieren zu können, was wesentlich ist. Unsere Reformen begannen schon 2022. Mein Vorgänger Andrea Enria hat damals eine unabhängige Expertenkommission eingesetzt, die Empfehlungen geben sollte, unseren jährlichen „Gesundheitscheck“, den Supervisory Review and Evaluation Process (SREP), für die Banken zu verbessern. Der Bericht dieser Kommission lag schon fertig auf meinem Schreibtisch, als ich hier ankam. Im Mai 2024 haben wir dann eine umfassende Reform des SREP beschlossen, um unsere Prozesse effizienter, effektiver und risikobasierter zu machen. Das bedeutet auch eine klarere und strukturiertere Kommunikation gegenüber den Banken über unsere aufsichtlichen Erwartungen. Außerdem verfolgen wir jetzt einen mehrjährigen Ansatz – nicht jedes Risiko müssen wir für jede Bank in jedem Jahr mit derselben Intensität betrachten. In diesem Jahr werden wir diese Reform des SREP abschließen.
Was haben Sie außer der SREP-Reform noch vor?
Wir übertragen die Ziele der Reform auf alle wesentlichen aufsichtlichen Prozesse – innerhalb der bestehenden Regulierungen und ohne dabei die Resilienz zu schwächen.[3] Ein Beispiel: Jede neue Banklizenz in Europa muss von uns genehmigt werden, wie auch jeder Entzug einer Banklizenz. Solche Genehmigungsverfahren können administrativ sehr anspruchsvolle, komplexe Prozesse sein. Wir haben dafür einen stärker risikobasierten Ansatz eingeführt, mit standardisierten Formaten zum Einreichen von Informationen. Das allein sorgt schon für eine Verschlankung der Verfahren.
Könnten Sie ein Beispiel geben?
Nehmen Sie unsere Überprüfung neuer Bankvorstände auf fachliche Eignung und Integrität, den „Fit-and-proper“-Check. Von der Einreichung von Unterlagen über das Führen von Interviews mit den Kandidaten und Kandidatinnen ist da einiges zu erledigen. Bisher hat das rund 100 Tage in Anspruch genommen, aber wir konnten die Dauer des Prozesses noch einmal deutlich verkürzen. Oder nehmen Sie die Genehmigung der Nutzung von Verbriefungen. Hier müssen wir prüfen, ob ein signifikanter Risikotransfer vorliegt, der zu geringeren Anforderungen an das Eigenkapital führen kann. In den weniger komplexen Fällen, die keine großen Risiken bergen, dauert dies jetzt nicht mehr drei Monate, sondern etwa zehn Tage.
Wie ist das möglich?
Keine Sorge, es ist nicht etwa so, dass wir jetzt in zehn Tagen durchwinken, was wir früher drei Monate lang intensiv geprüft haben. Wir bleiben risikobasiert. Was sehr hilft, ist die Standardisierung. Die Banken wissen dadurch genauer, worauf wir achten. Was dem Standard entspricht und keine großen Risiken beinhaltet, das können wir schneller erledigen. Die Ressourcen, die bei uns dadurch frei werden, stecken wir in die Prüfung von komplexeren Anfragen und die Analyse von systemischen Effekten. Diese Logik ziehen wir jetzt über alle unsere Verfahren, und natürlich nehmen wir dabei Hinweise über unsere Aufsicht auf. Im Hinblick auf Vor-Ort-Prüfungen zum Beispiel haben wir durchaus schon gehört, dass die Inspektoren Informationen abfragen, die andere Teams aus unserem Haus bereits haben. Daher arbeiten unsere Teams eng zusammen, um Dopplungen zu vermeiden. Dahinter liegen bei uns eine ganze Reihe von IT-Projekten, um unsere Prozesse intern zu verschlanken und zu digitalisieren.
Wie sehr hilft Ihnen bei alledem die künstliche Intelligenz (KI)?
Wir bekommen von den Banken sehr umfangreiche Informationen. Die KI hilft uns dabei, diese Informationen schneller zu verarbeiten. Auch in der schon erwähnten Fit-and-proper-Prüfung von Bankvorständen hilft die KI, indem sie die Lebensläufe durchgeht und eine erste Einschätzung vornimmt. Das ersetzt natürlich nicht die Arbeit derer, die für die Prüfung zuständig sind. Aufsicht erfordert ein erhebliches Maß an Urteilsfähigkeit und Erfahrungswissen, das KI nicht ersetzen kann. Aber KI reduziert manuelle Prozesse. Auch die Banken nutzen KI, um ihre internen Prozesse effizienter zu machen. Wir untersuchen daher den Einfluss der Digitalisierung auf die Arbeit der Banken – die Chancen, aber auch die Risiken. Wesentlich ist dabei, ob man mit KI die Informationsgewinnung verbessern kann. Banken müssen ja laufend künftige Kreditrisiken einschätzen, das ist ihr Kerngeschäft – eine zentrale Frage wird sein, ob die KI tatsächlich solche Prognosen verbessern kann.
Außerdem werden doch auch alle digitalen Risiken durch KI größer.
Sicherlich. Die meisten Banken lagern bestimmte Dienstleistungen aus und werden dadurch von den Dienstleistern in gewisser Weise abhängig – und das können KI-Firmen sein. Darum gibt es jetzt eine neue Initiative – die EU-Verordnung über digitale operationale Resilienz (kurz DORA[4]), um über verschiedene Finanzinstitute hinweg Outsourcing und die damit verbundenen Risiken besser zu erfassen. Wenn viele Banken zu demselben Anbieter outsourcen und diesen eine Cyberattacke trifft, kann daraus ein systemisches Risiko entstehen. Für die einzelne Bank sind diese systemischen Risiken schwer einzuschätzen, daher spielt gute Aufsicht eine zentrale Rolle.
Wo sehen Sie intern noch Baustellen?
In Moment konzentrieren wir uns darauf, die beschlossenen Reformen umzusetzen. Ganz wichtig ist dabei unsere interne Aufsichtskultur – alle Kolleginnen und Kollegen sollen das Momentum nutzen, um ihre täglichen Arbeitsprozesse zu verbessern. Das betrifft nicht nur die Personen, die hier in Frankfurt arbeiten, sondern natürlich auch diejenigen in den nationalen Behörden, mit denen wir eng zusammenarbeiten. Für dieses Jahr haben wir zwei weitere Schwerpunkte: Zum einen gehen wir durch unsere Leitfäden für die Banken. Hier geht es darum, unsere aufsichtlichen Auslegungen und „Good practices“ besser darzulegen, unsere Erwartungen an die Banken besser zu kommunizieren und klar festzuhalten, dass diese Leitfäden rechtlich nicht bindend sind. Zum anderen prüfen wir Möglichkeiten, unsere Aufsicht und Berichtspflichten noch verhältnismäßiger zu gestalten – aber natürlich proportional zu den zugrunde liegenden Risiken.
Und insgesamt, mit Blick auf das gesamte Finanzsystem?
Das gegenwärtige Spannungsfeld birgt Gefahren für eine starke Regulierung und Aufsicht. Einerseits sind die Risiken klar gestiegen, die fiskalischen Spielräume um Schocks wie in der Vergangenheit abzufedern, sind gesunken. Andererseits wird die Erinnerung an die Finanzkrise vor knapp 20 Jahren schwächer; die hohen Kosten, die Finanzkrisen haben, sind nicht mehr so präsent. Daher kann die politische Versuchung groß sein, regulatorische Erleichterungen zu beschließen in der Hoffnung, damit die wirtschaftliche Dynamik zu fördern. Aber: Resilienz und Wachstum stehen nicht in einem Widerspruch – dazu gibt umfangreiche empirische Evidenz. Wir müssen diese Diskussion führen, aber auf Basis guter Evidenz, die wir sowohl hier in der EZB als auch über vielen anderen externen Studien haben. Unser Ziel ist es daher auch, die Infrastruktur für evidenzbasierte Entscheidungen weiter auszubauen.[5]
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„Small and non complex institution“ (SNCI).
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Financial Stability Board (FSB), Evaluation of the Effects of Too-Big-to-Fail Reforms: Final Report, 2021.
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Europäische Zentralbank, Simplification of the European prudential regulatory, supervisory and reporting framework, Bericht der High-Level Task Force, 2025.
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Digital Operational Resilience Act (DORA).
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Buch, C.: “Evidence-based supervision: Addressing evolving risks, maintaining resilience“, Rede vom 9. Dezember 2025, und dies. “Financial stability, supervision and regulation“, Rede vom 10. September 2025.
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