3-6-3: Banken und der Wandel

Rede von Sabine Lautenschläger, Mitglied des Direktoriums der EZB und stellvertretende Vorsitzende des Aufsichtsgremiums der EZB, Bankwirtschaftliche Tagung des BVR, Berlin, 31. Mai 2017

Sehr geehrte Damen und Herren,

es war einmal vor langer Zeit, dass drei Zahlen das Leben mancher Bankiers prägten. Kennen Sie diese drei Zahlen? Es waren die 3, die 6 und die 3. Bankiers haben 3% Zinsen auf Sparguthaben gezahlt, das Geld zu 6% Zinsen weiterverliehen und sind dann um drei Uhr nachmittags auf den Golfplatz gefahren.

Einige von Ihnen haben vielleicht schöne Erinnerungen an dieses Leben; anderen mag es wie ein Märchen vorkommen. Es war ein friedliches Leben – vielleicht sogar ein bisschen langweilig.

Heute ist es anders. Heute sind es andere Zahlen, die das Leben der Banker prägen – unter anderem dürfte die Zahl Null dazugehören. Und es ist kein leichtes Leben. Genau darüber gibt es einen gewissen Ärger – vor allem in Deutschland, deutlich weniger in anderen Ländern.

Hierzulande zeigen viele auf die EZB und ihre Geldpolitik, auf die Regulierer und ihre Reformen und auf die Aufseher und ihre hohen Standards. Ich verstehe, dass viele ein wenig schimpfen; an Ihrer Stelle würde ich vermutlich auch schimpfen.

Aber würde es denn helfen, außer dass ich mich danach vielleicht etwas besser fühle? Würde es dem Geschäft helfen oder meiner Bank? Ich denke nicht. „Kritik am anderen hat noch keinem die eigene Leistung erspart“ heißt es.

In meinen Augen sind gute Geschäftsmänner und –frauen nüchterne Menschen. Sie sind Realisten; sie akzeptieren den Wandel; und sie versuchen das Beste daraus zu machen.

Solche Geschäftsleute gibt es in der Familie der Volks- und Raiffeisenbanken. Ich sehe, dass etliche sich an eine wandelnde Welt anpassen, und ich hoffe, dass dies in der Organisation nicht auf zu viel Gegenwehr stößt.

Denn am Ende ist es Aufgabe einer Bank, ihr Geschäftsmodell an das neue makro-ökonomische Umfeld und an das veränderte Kundenverhalten anzupassen – kurz gesagt es ist Aufgabe einer Bank, sich dem Wandel zu stellen.

Aber wo kommt er eigentlich her, der Wandel?

Der Wandel und seine Ursachen

Es ist fast schon ein Klischee, dass Wandel den wirtschaftlichen Fortschritt treibt. Neue Technologien werden entwickelt, die Bedürfnisse der Menschen ändern sich, und der Markt reagiert: Neue Produkte werden geschaffen; neue Wettbewerber treten auf, andere treten ab. Diese Art von Wandel findet ständig statt – auch in diesem Moment.

Die Digitalisierung ist ein gutes Beispiel. Hier haben wir eine neue Technologie, die unser gesamtes Leben durchdrungen hat – zwischen Geburt und Tod findet mittlerweile fast alles online statt.

Warum also nicht auch das Bankgeschäft? Das zumindest ist die Frage, die sich die Kunden stellen, und die Banken sollten rasch darauf antworten. Sonst laufen sie Gefahr, dass andere ihnen zuvorkommen.

Diese „anderen“ sind natürlich die FinTechs. Immer mehr dieser jungen Unternehmen drängen auf den Markt und erhöhen den Druck auf die Banken. Und der Druck war vorher schon hoch. Auch ohne die FinTechs sind schon sehr viele Banken auf dem Markt, letztendlich zu viele. Überleben werden diejenigen, die anbieten, was die Kunden nachfragen – und das ist unter anderem die Möglichkeit, Bankgeschäfte digital zu erledigen.

Hier findet also ohne Zweifel ein tiefer Wandel statt – ein Wandel allerdings, den ich als normalen Teil des Geschäfts sehe.

Aber es gibt noch eine andere Art von Wandel. Diese Art tritt plötzlich auf und unerwartet, oft ausgelöst durch eine Krise. Und sie kann dramatische Auswirkungen haben.

Denken Sie an die Finanzkrise und an all das, was ihr folgte. Lassen Sie uns zwei dieser Folgen etwas genauer anschauen.

Da ist zunächst der Beschluss, das Regelbuch für Banken gründlich zu überarbeiten – begonnen wurde damit vor fast zehn Jahren.

Ich gebe zu, dass eine so umfassende Reform Unsicherheit schaffen kann – vor allem, wenn sie sich so lange hinzieht. Darum ist es jetzt höchste Zeit, sie zu vollenden und umzusetzen; dann sollten wir das Kapitel „Überarbeitung des Regelbuches“ abschließen.

Das Ergebnis steht aber schon jetzt fest: strengere Regeln für Banken. Das begeistert die Banken nicht unbedingt – sie sehen vor allem, dass strengere Regeln höhere Kosten bedeuten. Dass das so ist, kann ich nicht leugnen.

Aber ich sehe auch, dass strengere Regeln Banken stabiler machen. Krisen werden seltener und das spart am Ende viel Geld – auch den Banken. Also: Die Reformen sind im Großen und Ganzen richtig und wichtig.

Aber: der Euro-Raum ist divers, und das gilt auch für die Banken. Keine zwei Banken sind gleich. Es gibt große Banken und kleine; es gibt internationale Banken und solche, die regional ausgerichtet sind; es gibt Banken mit risikoreichen Geschäftsmodellen und solche mit risikoarmen.

Brauchen wir für jede Bank dieselben Regeln? Ich denke: Nein. Die Regeln sollten sich am Risiko einer Bank orientieren und daran, wie wichtig die Bank für das gesamte System ist. Und damit sind wir bei der Proportionalität angelangt.

Für sich genommen sind kleinere Banken ein kleineres Risiko für das System: Scheitert eine kleine Bank, löst das keine globale Finanzkrise aus. Anders wäre es natürlich, wenn viele kleine Banken gleichzeitig in Schieflage geraten.

Dennoch: Die Regeln für kleinere Banken müssen also nicht ganz so streng sein wie für große. Das gleiche gilt für die Aufsicht: Kleine Banken müssen nicht so intensiv beaufsichtigt werden wie große. Wir brauchen proportionale Ansätze, und die haben wir auch.

Nehmen Sie das Meldewesen. Kleine Banken, die nach nationalen Standards bilanzieren, haben es hier leichter als große Banken, die nach internationalen Standards bilanzieren. Sie hatten nicht nur mehr Zeit, die neuen Anforderungen der EZB umzusetzen: gut zweieinhalb Jahre mehr, um genau zu sein. Sie müssen vor allem sehr viel weniger Daten an die Aufsicht liefern. So müssen im Finanz-Reporting die kleinsten Banken gerade einmal 600 Datenpunkte an die Aufsicht liefern, die größten Banken bis zu 40.000.

In Zukunft könnten kleinere Banken sogar noch stärker entlastet werden. Die EU-Kommission überarbeitet zurzeit das europäische Regelwerk, und sie hat ein paar Vorschläge für mehr Proportionalität gemacht. Das würde dann nicht nur das Meldewesen betreffen, sondern beispielsweise auch Veröffentlichungspflichten oder die Regeln rund um die Vergütung.

Diskutiert wird auch eine Kapitalentlastung, die insbesondere kleineren und mittleren Banken zugutekäme – und zwar über eine weitergehende Privilegierung der Kredite an kleine und mittlere Unternehmen.

Kleine Banken haben es also in der Tat leichter, wenn es um Regeln und Aufsicht geht. Sie scheinen das nur nicht so wahrzunehmen. Woran liegt das? Zwei Erklärungen kommen mir in den Sinn.

Erstens könnte es sein, dass kleinere Banken einen anderen Maßstab verwenden. Vergleichen sie ihre Lage wirklich mit der Lage großer Banken? Oder vergleichen sie vielleicht ihre heutige Lage mit der von gestern? An diesem Maßstab gemessen, würde Proportionalität bedeuten, die Reformen zurückzunehmen.

Das ist aber nicht Sinn der Sache. Die Regeln sind für alle strenger geworden – für große Banken ebenso wie für kleine. Das ist so gewollt. Proportionalität bedeutet, dass die Strenge für die Kleinen weniger stark zugenommen hat als für die Großen.

Das Gefühl mangelnder Proportionalität könnte aber noch einen zweiten Grund haben. Die Erleichterungen für kleine Banken sind über das ganze Regelwerk verstreut und damit nicht besonders sichtbar. Und auch in der Aufsicht werden sie oft nicht wahrgenommen. So überziehen Aufseher große Institute jedes Jahr mit bis zu vier Vor-Ort-Prüfungen; kleinere Banken haben dagegen nur alle zehn Jahre eine Vor-Ort-Prüfung – sofern sie gut geführt sind.

Also sowohl im Regelwerk als auch in der Aufsicht gibt es Erleichterungen für kleine Banken. Aber sie sind nicht besonders sichtbar; das Ausmaß an Proportionalität erscheint geringer als es ist.

Es könnte daher sinnvoll sein, die Erleichterungen im Regelwerk zu bündeln und in eine eigene Kiste zu packen. Beschriftet wäre diese Kiste dann mit „Small Banking Box“ – ein eigenes Regelbuch für kleinere Banken.

Ich bin offen, was die Small Banking Box angeht, denke aber, dass es schwierig sein wird, klare Grenzen zu ziehen. Welche Bank gehört in die Box und welche nicht? Diese Frage müsste sorgfältig beantwortet werden.

Die Reform der Regulierung war eine Folge der Krise. Eine zweite Folge betrifft die Geldpolitik. Da die Inflation im Euro-Raum sehr niedrig ist, ist die Geldpolitik sehr locker: seit über einem Jahr liegt der Leitzins im Euro-Raum bei null.

Das ist ein gewaltiger Wandel für Banken, von denen sehr viele ja auf das Zinseinkommen angewiesen sind. Und hier beschweren sich viele – vor allem in Deutschland.

Das Thema Geldpolitik wird oft mit einer emotionalen Schärfe diskutiert, die es schwierig macht, sich sachlich mit den Argumenten auseinanderzusetzen. Sie alle wissen, dass es nicht das Ziel der EZB ist, den Banken zu schaden – oder den Sparern.

Der EZB ist vom Gesetzgeber ein einziges Ziel zugewiesen worden, und dieses Ziel heißt: Preisstabilität. Und das ist klar definiert: in der mittleren Frist soll die Inflation nahe bei, aber unter 2% liegen. Wir waren sehr lange sehr weit entfernt von dieser Marke. Genau deshalb ist eine lockere Geldpolitik angebracht, auch wenn ich bei dem einen oder anderen Instrument kritisch bin.

Jetzt werden natürlich viele sagen: wir sind doch fast bei 2% angelangt! In der Tat lag die Inflation noch im April bei 1,9%, und damit sehr nahe am Ziel. Wir dürfen aber nicht nur auf einen einzigen Monat schauen. Wir sind verpflichtet, die Preisstabilität auf mittlere Sicht zu sichern – wäre es anders, müssten wir im schlimmsten Fall alle sechs Wochen den geldpolitischen Kurs ändern. Das würde nur die Kosten der Geldpolitik steigen lassen, ohne einen Nutzen zu bringen.

Die entscheidende Frage ist also: sehen wir einen stabilen Trend hin zur 2%-Marke oder sehen wir nur ein kurzes Zwischenhoch? Wird sich die aktuelle Entwicklung in den folgenden Monaten fortsetzen? Wir rechnen nicht unmittelbar damit.

Dass die Inflation im April gestiegen ist, lag zu einem großen Teil an den Ölpreisen und Sondereffekten wie zum Beispiel den Ostertagen. Und wie erwartet ist die Inflation im Mai wieder gesunken – auf 1,4%.

Gleichzeitig ist der inländische Preisdruck nach wie vor noch verhalten, gleiches gilt für den Lohndruck. Und es kommt noch etwas hinzu: es steckt noch immer ein Teil Geldpolitik in der Inflation.

Bedeutet das jetzt, dass wir noch lange an der lockeren Geldpolitik festhalten müssen? Nein, es gibt durchaus Grund, positiv gestimmt zu sein.

Der Wirtschaft im Euro-Raum geht es besser, daran gibt es keinen Zweifel. – der Aufschwung ist stabiler und breiter geworden, und die Risiken für das Wachstum sind meiner Meinung nach jetzt ausgeglichen. Unternehmen und Verbraucher sind positiv gestimmt. Und auch die Sorge vor einer Deflation ist verschwunden.

Alle Zutaten für eine angemessene Preissteigerung liegen also auf dem Tisch. Und das spricht dafür, dass wir uns darauf vorbereiten sollten, die geldpolitische Medizin auszuschleichen.

Denn erstens, gilt: je besser der Zustand des Patienten, desto stärker spürt er die Nebenwirkungen der Medikamente. Und hier sollten wir uns nichts vormachen: Die aktuelle Geldpolitik ist ein starkes Medikament mit starken Nebenwirkungen. Das zwingt uns, immer wieder abzuwägen. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem die Kosten der Geldpolitik größer werden als ihr Nutzen. Dann ist es Zeit, das Medikament abzusetzen – hier dürfen wir nicht zu zögerlich sein.

Und zweitens wird die Rückkehr zur „normalen“ Geldpolitik nicht einfach sein. Wir geben schließlich einen komplexen Cocktail aus verschiedenen Medikamenten. Die Anpassung der geldpolitischen Maßnahmen muss also gut geplant und sie muss gut kommuniziert werden. Die Märkte müssen verstehen, was die Geldpolitik tut. Genau darum haben wir 2013 die Forward Guidance eingeführt.

Die Forward Guidance soll dem Markt einen klaren Hinweis darauf geben, wie die Geldpolitik sich künftig verhalten wird. Grundlage für die Forward Guidance ist dabei immer die aktuelle Lage. Wenn sich die Lage also deutlich und nicht nur vorübergehend ändert, dann sollte sich auch die Forward Guidance ändern.

Um es zusammenzufassen: Wir werden genau beobachten, wie sich der Zustand des Patienten entwickelt. Und dabei schauen wir sowohl auf die Wirkung der Medikamente als auch auf die Nebenwirkungen. Und wenn es dann soweit ist, müssen wir den Mut finden, das Medikament abzusetzen. Ein zu langes Zögern schafft nur neue Probleme.

Für den Moment können wir aber eins festhalten: Banken haben es mit beiden Arten des Wandels zu tun – dem normalen und dem außergewöhnlichen. Sie müssen sich in einer digitalen Welt zurechtfinden, sie müssen strengere Regeln befolgen und sie müssen das Beste aus sehr niedrigen Zinsen machen.

Ich verstehe, dass einige Banken sich davon überwältigt fühlen – vor allem die kleineren. Und in der Tat hinterlässt der Wandel Spuren.

Der Wandel und seine Folgen

Diese Spuren finden wir vor allem „unter dem Strich“, also bei den Erträgen. Es dürfte mittlerweile niemanden mehr überraschen, wenn ich Ihnen sage, dass die Banken im Euro-Raum ein Ertragsproblem haben. Die Erträge sind zu niedrig; die Kosten sind zu hoch. Und das gilt ebenso für die großen Banken wie für die kleineren.

Und dass auch kleinere Banken kämpfen müssen, überrascht nicht wirklich, da die kleineren Banken meist noch stärker am Zinsgeschäft hängen als die großen.

Das betrifft auch die deutschen Genossenschaftsbanken. Zwar ist ihr Jahresüberschuss im vergangenen Jahr gestiegen; er speist sich aber oft aus anderen Quellen als dem klassischen Bankgeschäft. Denn verglichen mit 2015 ist der Zinsüberschuss im Jahr 2016 um 3,5% gesunken. Der Überschuss stammt vor allem aus außerordentlichen Erträgen, und die kann man nicht ständig wiederholen wie wir alle wissen.

Eine Analyse der Bundesbank hat schon vor anderthalb Jahren gezeigt, dass die Ergebnisse der kleineren deutschen Banken bis 2019 um 25% zurückgehen könnten – im ungünstigsten Fall sogar um bis zu 75%.

Diese Analyse wird zurzeit wiederholt, um ein aktuelles Bild zu bekommen. Und auch die EZB schaut sich die Lage der kleineren deutschen Banken in diesem Jahr sehr genau an.

Dennoch stehen die kleineren deutschen Banken im Vergleich ganz gut da. Nicht zuletzt, weil sie über stille Reserven und Überschusskapital verfügen – beides kann ihnen helfen, Verluste aufzufangen. Klar ist aber auch, dass Reserven irgendwann aufgebraucht sind.

Den Wandel meistern

Wie können die Banken nun Schritt halten mit all dem Wandel? Denn dass sie Schritt halten müssen, scheint mir offensichtlich. Wer sich zurücklehnt und darauf wartet, dass ein Wunder geschieht, wird hintenüber fallen.

Und es ist möglich, Gewinne zu machen – auch in diesen schwierigen Zeiten. Wir sehen rund zwei Dutzend größere Banken im Euro-Raum, die sehr gut abschneiden. Ihre Eigenkapitalrendite liegt durchgehend über dem Durchschnitt.

Und das liegt nicht daran, dass diese Banken weniger Eigenkapital haben als andere. Es liegt daran, dass sie mehr Ertrag machen – ihr Zinseinkommen liegt über dem Durchschnitt, aber auch andere Ertragsquellen spielen eine Rolle.

Es gibt also Hoffnung – allerdings nicht zum Nulltarif. Jede einzelne Bank muss aktiv werden und ihr Geschäftsmodell anpassen, wenn sie nicht den Anschluss verlieren will. Das fängt an mit den neuen, digitalen Bedürfnissen der Kunden, die ich schon erwähnt hatte.

Die Genossenschaftsbanken geben hier übrigens eine ganz gute Figur ab: „Omnikanalbank“ und „scan to bank“, um nur zwei Stichworte zu nennen. Die DZ Bank, aber auch der Verbund als Ganzes haben sich auf die Digitalisierung eingelassen.

Sie schaffen Strukturen, die den Schritt in das digitale Bankgeschäft erleichtern sollen, und hier bietet ein enger Verbund Vorteile. Jede einzelne Genossenschaftsbank ist dicht an den Kunden und kennt deren Wünsche. Auf dieser Basis kann sie neue Ideen entwickeln und mit dem ganzen Verbund teilen. So gehandhabt, kann Digitalisierung helfen, neue Vertriebskanäle zu öffnen, neue Produkte zu schaffen und neue Kunden zu gewinnen.

Mit Blick auf die niedrigen Zinsen liegt es nahe, alternative Ertragsquellen zu erschließen – zum Beispiel das Provisionsgeschäft.

Aber Einnahmen sind natürlich nur eine Seite der Gleichung. Die andere Seite sind die Kosten. Ich hatte bereits erwähnt, dass die deutschen Banken unter sehr hohen Kosten arbeiten. Auch auf dieser Seite der Gleichung gibt es also Raum, sich anzupassen – „sinnvoll sparen“ sollte das Motto sein.

Und wieder kann ich Sie loben, meine Damen und Herren. Der Verbund der Genossenschaftsbanken ist dabei, genau das zu tun. Das erste Beispiel, das mir einfällt, ist die Fusion der IT-Anbieter; sie wird helfen, die Kosten für jede einzelne Volksbank zu senken. Das setzt allerdings voraus, dass alle Banken auf das neue System umstellen; und das dauert seine Zeit.

Hier sehen wir übrigens auch, dass ein echter Verbund Vorteile in alle Richtungen bietet. Zum einen ist er dezentral: jedes Mitglied ist für sich genommen recht klein und damit ein geringes Risiko. Zum anderen bietet der Verbund aber auch viele Möglichkeiten, Skaleneffekte zu nutzen und so Kosten zu senken.

Und mit dem Verbund und der Institutssicherung gehen auch Privilegien einher, die regulatorische Kosten senken und verdient sein müssen – denken Sie an die Berechnung der Kapital- und Liquiditätsanforderungen oder das Großkreditregime innerhalb des Verbundes.

Doch Konsolidierung reicht weit über gemeinsame IT-Lösungen hinaus. Auf dem Bankenmarkt ist es ein wenig eng geworden; das hatte ich bereits erwähnt. Der Markt muss sich also konsolidieren.

Bei Genossenschaften ist diese Entwicklung gut zu beobachten. Als ich 1995 zur Bankenaufsicht gekommen bin, gab es noch gut 2.600 Genossenschaftsbanken in Deutschland. Kurz vor Beginn der Krise im Jahr 2008 waren es 1.200, Ende 2016 waren es nur noch 972. Und es sind nicht nur die kleinen Banken, die fusionieren – auch die Spitzeninstitute schließen sich zusammen.

Ich gehe davon aus, dass wir auch außerhalb des Genossenschaftssektors Fusionen sehen werden. Worauf wir vor allem noch warten, sind Fusionen über Grenzen hinweg. Denn am Ende des Tages ist das Ziel der Bankenunion ja, zu einem europäischen Bankenmarkt zu kommen.

Fazit

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Zeiten des „3-6-3“-Bankiers sind vorbei und das schon eine ganze Weile. Aber allzu ernst muss man diese kleine Geschichte ohnehin nicht nehmen. Wie schon andere festgestellt haben, vermischt sie ein Körnchen Wahrheit mit einer sehr vereinfachten Wahrnehmung der Realität.[1] Früher war halt immer alles einfacher und besser.

Aber heute ist heute, und heute ist anders als gestern. Das einzige, was bleibt, ist, den Wandel zu akzeptieren und sich anzupassen. Und hier scheinen die Genossenschaftsbanken weiter zu sein als andere. Das zeigt auch der Titel, den Sie für diese Veranstaltung gewählt haben: „Herausforderungen annehmen und Zukunft gestalten“. Auf mich als Aufseherin wirkt dieser Titel durchaus beruhigend – sofern alle ihn sich zu Herzen nehmen.

Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit.



[1] DeYoung, R.; Rice, T. (2004), How Do Banks Make Money? The Fallacies of Fee Income. Federal Reserve Bank of Chicago, Economic Perspective 4Q/2004.

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