- INTERVIEW
Interview mit Anneli Tuominen für Die Presse
25. März 2026
Interview mit Anneli Tuominen, Mitglied des Aufsichtsgremiums der EZB, geführt von Madlen Stottmeyer am 17. März 2026
Frage: Europas Banken verdienen nach dem Zinsanstieg so gut wie lange nicht. Ist das System heute wirklich stärker — oder leben die Institute bloß von einem vorübergehenden Zinseffekt?
Antwort: Der europäische Bankensektor ist heute deutlich stärker und widerstandsfähiger als vor der Einführung der europäischen Bankenaufsicht. Die harte Kernkapitalquote ist von 12,7 auf 16,2 Prozent gestiegen, der Anteil notleidender Kredite von 7,5 auf 1,9 Prozent gefallen. Auch die Kostenstruktur hat sich verbessert. Und das trotz einer Reihe schwerer Krisen: der Pandemie, der Turbulenzen bei Banken in den USA und in der Schweiz, des russischen Angriffs auf die Ukraine.
Natürlich hat der Zinszyklus die Profitabilität zuletzt stark gestützt. Die Eigenkapitalrendite lag Ende 2025 bei 9,5 Prozent, nachdem sie zwischen 2015 und 2021 im Schnitt nur 5,4 Prozent betragen hatte. Aber das ist nicht die ganze Geschichte. Banken sind heute besser kapitalisiert, liquider und insgesamt gesünder als früher. Der Zinseffekt war hilfreich, aber er ist nicht das Fundament dieser Entwicklung.
Frage: Was ist derzeit die größte Schwachstelle des europäischen Bankensystems?
Antwort: Ich würde zwei nennen. Erstens die makrofinanzielle Unsicherheit infolge geopolitischer Spannungen. Es ist schwer vorherzusagen, wie lange diese Spannungen anhalten und wie stark sie sich wirtschaftlich auswirken werden. Sie betreffen Kredit-, Liquiditäts-, Markt- und operative Risiken zugleich.
Zweitens die operative Resilienz. In einer immer stärker digitalisierten Welt sehen wir mehr Cyberangriffe und mehr Verwundbarkeiten. Diese Risiken stehen oft in enger Wechselwirkung mit geopolitischen Entwicklungen. Deshalb konzentrieren wir uns als Aufsicht auf dieses Thema — mit gezielten Überprüfungen, Vor-Ort-Prüfungen und Cyber-Stresstests.
Frage: Viele sagen: Der eigentliche Test kommt erst, wenn die Konjunktur kippt und die Kreditausfälle steigen. Bereitet sich die Aufsicht auf diese schwierigere Phase vor?
Antwort: Ja. Wir verlangen von den Banken seit Langem, negative Szenarien durchzuspielen. In diesem Jahr führen wir zudem einen Reverse-Stresstest zu geopolitischen Risiken durch. Dabei geben wir kein Szenario vor, sondern fordern die Banken auf, zu ermitteln, bei welchem Szenario sich ihr Kapital um 300 Prozentpunkte verringern würde.
Die Institute müssen dadurch genauer über ihre Strategie und ihr Geschäftsmodell nachdenken.
Weiters führen wir zurzeit eine thematische Überprüfung zur Kreditvergabe von Banken durch. Dabei holen wir auch Daten ein, um sicherzustellen, dass die Kreditvergaberichtlinien solide bleiben.
Frage: Gewerbeimmobilien gelten weltweit als Risikofeld. Wie exponiert sind Europas Banken?
Antwort: Der Ausgangspunkt ist besser als früher: Die Banken sind insgesamt gesünder. Aber im Markt für Gewerbeimmobilien sehen wir natürlich Belastungen aufgrund strengerer Kreditstandards, des höheren Zinsniveaus und veränderter Gewohnheiten beim Arbeiten und Einkaufen – zum Beispiel Homeoffice und Onlinehandel.
Wir haben uns das in unseren Vor-Ort-Prüfungen sehr genau angesehen. Dabei haben wir festgestellt, dass Sicherheiten nicht immer so bewertet wurden, wie sie bewertet werden sollten. Wir haben auch Bedenken bei Krediten geäußert, bei denen zunächst nur Zinsen gezahlt werden. Die Lage ist von Land zu Land unterschiedlich. Aber ich würde klar sagen: Dieser Markt ist noch nicht über den Berg.
Frage: Gehört Österreich zu den stärker exponierten Ländern?
Antwort: Ja, Österreich gehört zu den Ländern, in denen die Risiken in diesem Bereich bei gewissen Banken vergleichsweise höher sind.
Frage: Die EZB-Stresstests kommen fast immer zu dem Ergebnis, dass Europas Banken robust sind. Kritiker sagen: Die Szenarien seien zu vorhersehbar und am Ende nicht hart genug. Ist da etwas dran?
Antwort: Nein, das würde ich so nicht sehen. Die Stresstests sind ein wichtiges Instrument, und wir sind regulatorisch verpflichtet, sie regelmäßig durchzuführen. Sie helfen uns zu beurteilen, ob Banken eine Verschlechterung des Umfelds verkraften könnten.
Natürlich müssen die Szenarien plausibel sein. Wenn sie unrealistisch hart wären, hätten die Ergebnisse wenig Aussagekraft. Außerdem dienen die Tests nicht nur der Aufsicht, sondern auch der Information der Öffentlichkeit. Der letzte Stresstest war übrigens einer der strengsten: Die im adversen Szenario unterstellten Verluste beliefen sich auf rund 628 Milliarden Euro, das hätte die harte Kernkapitalquote um etwa vier Prozentpunkte gedrückt. Dass die Ergebnisse trotzdem solide waren, hat auch damit zu tun, dass die Banken zuletzt profitabel waren.
Frage: Europäische Banken sind immer noch weniger profitabel und global weniger dominant als amerikanische. Liegt das an zu viel Regulierung — oder daran, dass Europa noch immer kein wirklich integrierter Bankenmarkt ist?
Antwort: Es gibt viele Gründe, aber die Fragmentierung Europas ist sicher ein zentraler. Mario Draghi hat zu Recht darauf hingewiesen, dass europäische Banken auf kleinerer Skala arbeiten und höhere Kosten haben. Die USA sind ein großer, integrierter Markt. Dort können Banken leichter wachsen, stärker in IT investieren und höhere Erträge erzielen, gerade im Investmentbanking und Handel.
In Europa haben wir 27 Mitgliedstaaten, unterschiedliche Insolvenzregime, unterschiedliche Aufsichtspraktiken, unterschiedliche steuerliche und verbraucherschutzrechtliche Rahmenbedingungen. Der Bankensektor ist noch immer stark national organisiert. Wir würden gerne mehr grenzüberschreitendes Geschäft sehen, mehr Größe, mehr Skaleneffekte.
Dafür braucht es Fortschritte bei der Bankenunion. Eine gemeinsame Einlagensicherung oder etwas sehr Ähnliches wäre dafür aus meiner Sicht zentral. Ohne mehr Integration wird der europäische Bankensektor sein Potenzial nicht voll ausschöpfen können. Die Politik muss begreifen, dass stärker integrierte Märkte effizienter wären. Davon würden alle profitieren. Die Bankenunion und die Kapitalmarktunion müssen vollendet werden, damit Kapital und Liquidität besser fließen können.
Frage: Bankenkrisen entstehen oft weniger durch zu wenig Kapital als durch schlechte Führung. Wie erkennt die EZB Governance-Probleme, bevor sie gefährlich werden?
Antwort: Governance ist eines der Themen, auf die wir laufend schauen. Mitglieder von Leitungsorganen durchlaufen Fit-&-Proper-Prüfungen, bei denen wir Reputation, Erfahrung, Unabhängigkeit und die kollektive Eignung des Gremiums bewerten.
Wichtiger geworden ist auch, dass in den Gremien ausreichend Expertise zu Cyber, Digitalisierung oder Klima vorhanden ist. Diese Themen müssen auf Vorstandsebene verstanden und gesteuert werden. Wir sehen in diesem Bereich nach wie vor Verbesserungsbedarf, etwa bei der Aggregation von Risikodaten, beim Risikoreporting oder bei der internen Risikosteuerung. Gute Governance bleibt ein zentraler Stabilitätsfaktor.
Frage: Nach mehreren Geldwäscheskandalen bekommt Europa mit AMLA eine neue zentrale Behörde. Ist das der Durchbruch bei der Bekämpfung von Geldwäsche?
Antwort: Es ist jedenfalls der richtige Schritt. Die Logik ist ähnlich wie bei der europäischen Bankenaufsicht nach der Finanzkrise: Wenn Probleme grenzüberschreitend sind, reicht nationale Aufsicht allein nicht aus. Geldwäsche hält sich nicht an Landesgrenzen, also braucht es eine zentralisierte und koordinierte Aufsicht, die das Gesamtbild sieht.
Das Mandat von AMLA ist sehr anspruchsvoll. Durch Digitalisierung, KI und Krypto entstehen neue Möglichkeiten für Finanzkriminalität. Wir wollen keine Finanzkriminalität im europäischen Finanzsystem. Und man muss ganz ehrlich sagen: Gesetze allein genügen nicht. Teilweise gab es Regeln schon, aber die nationale Aufsicht war nicht stark oder konsequent genug. Genau deshalb braucht es eine EU-weite Struktur.
Frage: Sie waren lange Chef der finnischen Finanzaufsicht, bevor Sie zur EZB wechselten. Was hat sich an Ihrem Blick auf die Bankenaufsicht durch den Wechsel von der nationalen auf die europäische Ebene am stärksten verändert?
Antwort: Der größte Unterschied war das Benchmarking. Auf europäischer Ebene kann man Banken und Aufsichtspraktiken länderübergreifend vergleichen. Das ist enorm wichtig, um ein echtes Level Playing Field zu schaffen.
Hinzu kommt die analytische Tiefe einer Institution wie der EZB. Dort gibt es sehr viel Expertise und sehr große Kapazitäten. Aber der erste und vielleicht wichtigste Unterschied ist tatsächlich die Möglichkeit, viel systematischer zu vergleichen und daraus bewährte Verfahren abzuleiten.
Frage: Wenn wir fünf Jahre nach vorne schauen: Was wird die größte Herausforderung für die europäische Bankenaufsicht?
Antwort: Kurzfristig bleibt die Geopolitik die größte Herausforderung. Mittelfristig wird entscheidend sein, wie sich der Bankensektor durch Digitalisierung, Innovation und künstliche Intelligenz verändert — und wie eng Banken und Finanzinstitute aus dem Nichtbankensektor verflochten sind.
Wir brauchen dafür bessere Datenqualität, damit wir Risiken früh erkennen und Ansteckungseffekte vermeiden können. Und wir müssen die operative Resilienz weiter stärken. Gerade in unsicheren geopolitischen Zeiten ist das entscheidend — nicht nur für Banken, sondern für alle kritischen Sektoren unserer Gesellschaft.
Meiner persönlichen Meinung nach sollte die EU angesichts der beispiellosen geopolitischen Unsicherheit darauf vorbereitet sein, Maßnahmen zu ergreifen, um einen stärker integrierten und wettbewerbsfähigeren Bankenmarkt zu schaffen, wobei dessen Resilienz gewahrt bleiben muss. Dies würde bedeuten, dass Finanzierungen in der EU durch einen vereinfachten Regulierungsrahmen, die Vollendung des dritten Bausteins der Bankenunion sowie die Schaffung einer Spar- und Investitionsunion gefördert werden müssen.
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