Risiko und Kapital – ein Balanceakt

Rede von Danièle Nouy, Vorsitzende des Aufsichtsgremiums der EZB, in der Wirtschaftskammer Österreich, Wien, 2. Mai 2017

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

der französische Dichter Paul Valéry schrieb: « Ce qui est simple est toujours faux. Ce qui ne l’est pas est inutilisable. » Was einfach ist, ist immer falsch, und was komplex ist, ist nicht brauchbar. Ich bin mir sicher, dass er nicht an Banken dachte, als er diese Zeilen schrieb. Doch sein Kommentar lässt sich auf ein Problem anwenden, mit dem Regulatoren, Bankenaufseher und Risikomanager regelmäßig konfrontiert sind: wie berechnet man die richtige Menge an Eigenkapital?

Doch lassen Sie mich zunächst einen Schritt zurückgehen: Eigenkapital ist das umfassendste Polster, über das Banken verfügen. Je mehr Kapital eine Bank hält, desto mehr Verluste kann sie verkraften, bevor sie insolvent wird. Deshalb ist Kapital ein wesentlicher Bestandteil sicherer und solider Banken, denen Märkte und Kunden vertrauen.

Zugleich ist Kapital jedoch auch teuer. Hält eine Bank zu viel davon, kann sie gezwungen sein, ihre Kreditzinsen zu erhöhen. Dies wiederum könnte es für Unternehmen teurer machen, Kredite aufzunehmen; Investitionen und Wirtschaftswachstum würden gehemmt. Es muss folglich eine optimale Kapitalmenge geben, die Banken vorhalten sollten.

Wie können wir nun berechnen, wieviel Kapital eine Bank halten sollte? Die Antwort liegt in den Risiken, die sie eingeht. Je mehr Risiken eine Bank eingeht, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie Verluste hinnehmen muss. Höhere Risiken erfordern also mehr Eigenkapital. Die Risiken zu messen, ist also entscheidend, um das notwendige Kapital zu berechnen.

Doch das ist leichter gesagt als getan, denn Risiken sind nur Wahrscheinlichkeiten. Sie signalisieren uns, wie wahrscheinlich es ist, dass ein bestimmtes Ereignis in der Zukunft eintreten wird. Mit Risiken umzugehen erfordert daher, die Zukunft vorauszusehen – und das ist nicht leicht, um es vorsichtig auszudrücken.

Wir alle stehen jeden Tag vor Risiken. Wird es heute regnen? Sollen wir einen Regenschirm mitnehmen oder das Risiko eingehen, nass zu werden? Die Wettervorhersage sagt uns vielleicht, dass es mit einer 70-prozentigen Wahrscheinlichkeit regnen wird. Aber was bedeutet das eigentlich? Nun, es bedeutet, dass es regnen könnte oder auch nicht, wobei es etwas wahrscheinlicher ist, dass Ersteres eintritt. Doch wie das Wetter tatsächlich geworden ist, wissen wir immer erst am Ende des Tages.

Mit Blick auf Banken ist die Sache sogar noch komplizierter, denn sie haben es mit sehr vielen unterschiedlichen und sehr komplexen Risiken zu tun. Wird ein Gläubiger seinen Kredit zurückzahlen? Werden die Zinssätze steigen oder fallen? Werden sich die Wechselkurse nach oben oder unten bewegen? Hier haben wir es mit Dingen zu tun wie Kreditrisiko, Zinsrisiko, Marktrisiko und operationellem Risiko, um nur einige zu nennen.

Sie alle tragen dazu bei, dass es sehr schwierig ist, Risiken zu messen und die richtige Kapitalmenge zu berechnen. Und wenn Banken hierbei Fehler machen, kann es passieren, dass sie nicht genug Eigenkapital haben und scheitern, oder zu viel Kapital haben und ineffizient arbeiten.

Die Frage ist also, wie man all diese Risiken berücksichtigt und aus ihnen die angemessene Kapitalausstattung bestimmt. Im Lauf der Zeit wurden viele verschiedene Ansätze entwickelt, um genau dies zu tun. Und, um wieder zu Paul Valéry zurückzukommen: einige dieser Ansätze sind einfach und andere komplex. Sehen wir uns diese Ansätze etwas genauer an.

Bemessung von Risiken: ein zu einfacher Ansatz wird der Aufgabe nicht gerecht …

Der einfachste Ansatz ist, die Existenz von Risiken zwar anzuerkennen, aber gar nicht erst zu versuchen, sie zu messen. Man nimmt einfach immer einen Regenschirm mit, wenn man das Haus verlässt. Für Banken würde das bedeuten, eine Kapitalmenge vorzuhalten, die sich nur nach der Größe ihrer Bilanzsumme, nicht aber nach ihren Risiken richtet. Dieser Ansatz wird als Verschuldungsquote oder Leverage Ratio bezeichnet.

Martin Hellwig und Anat Admati gehören zu den Verfechtern dieses Ansatzes, sofern die Quote hoch genug ist. Sie schlagen vor, dass Banken bis zu 25 % ihrer Bilanzsumme in Form von Eigenkapital halten sollen[1] – keine weitere Notwendigkeit, mühsam die Risiken zu messen. Dieser Ansatz ist in der Tat einfach anzuwenden, er ist transparent und er ermöglicht es, Vergleiche zwischen Banken anzustellen.

Doch ein so einfacher Ansatz hat natürlich auch seine Schwächen. Auf gewisse Weise wird er seinem Ziel nicht gerecht, denn Banken mit geringen Risiken müssten genauso viel Kapital vorhalten wie Banken mit hohen Risiken. Was würde geschehen?

Nun: bei Anlagen mit geringem Risiko sind die Renditen niedrig, bei Anlagen mit großen Risiken sind die Renditen hoch. Das wahrscheinlichste Szenario ist also, dass Banken hohe Risiken eingehen würden. Sie müssten dieselbe Kapitalmenge halten wie bei niedrigen Risiken, könnten aber höhere Renditen erwirtschaften. Das würde jedoch die Stabilität der Banken untergraben.

Und die Verschuldungsquote ignoriert die Tatsache, dass Risiken bis zu einem gewissen Grad gemessen werden können. Wir können berechnen, wie wahrscheinlich es ist, dass bestimmte Ereignisse eintreten, und auch, welche Auswirkungen das hätte. Wir können also in der Tat die Risiken einer Bank berücksichtigen, um die richtige Kapitalmenge zu berechnen.

Und genau das tut die Kapitalregulierung. Das Regelwerk für Banken enthält risikosensitive Elemente. Ein Beispiel ist der Standardansatz für das Kreditrisiko, der 2004 eingeführt wurde. Er weist verschiedenen Klassen von Vermögenswerten jeweils einheitliche Risikogewichte zu.

Kredite an Unternehmen beispielsweise haben ein Risikogewicht von 20 %. Das heißt, dass ein Kredit von 100 € zu 20 € wird, wenn man das erforderliche Eigenkapital berechnet. Die übrigen 80 € werden nicht berücksichtigt; sie werden als risikofrei eingestuft.

Anders als die Leverage Ratio ist der Standardansatz also bis zu einem gewissen Grad risikosensitiv. Aber er ist auch noch relativ einfach. Es wäre so, als würden wir aus dem Fenster schauen und einen Regenschirm einstecken, sobald wir auch nur eine einzige Wolke entdecken, sei sie nun groß und grau oder klein und weiß.

Der Standardansatz ist nicht in der Lage, verschiedene und sich ändernde Risiken innerhalb von Anlageklassen zu erfassen. Er könnte immer noch zu Situationen führen, in denen risikoreiche Banken nicht genug Eigenkapital haben, während risikoarme Banken zu viel Eigenkapital haben.

…während zu viel Komplexität das Ziel verfehlen würde

Der Standardansatz ist also noch nicht das Ende des Weges. Die Banken dürfen weiter gehen und ihre eigenen internen Modelle anwenden, um für einige Risikotypen Risikogewichte zu berechnen. Auf eine Weise ähneln diese Modelle jenen, die für die Wettervorhersage verwendet werden; sie geben uns sehr detaillierten Rat, wann wir lieber einen Regenschirm mitnehmen sollten.

Die Idee interner Modelle basiert darauf, die spezifischen Risiken einer Bank möglichst präzise abzubilden. Im Ergebnis hält dann jede Bank die Kapitalmenge, die ihren Risiken genau entspricht. Das ist zumindest die Theorie.

In der Praxis kommen noch ein paar Probleme hinzu. So müssen sich die Modelle auf die Vergangenheit verlassen, um die Zukunft zu beurteilen. Es ist also beispielsweise schwierig, die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen zu berechnen, die in der Vergangenheit nur selten eingetreten sind. Und Ereignisse, die noch nie stattgefunden haben, sind völlig außer Reichweite für die Modelle. Das sind die gefürchteten „schwarzen Schwäne“.

Im August 2007 machte der Chief Financial Officer von Goldman Sachs eine Bemerkung, die viel Gehör fand. Er sagte, dass sich zu dieser Zeit die Märkte auf eine Art und Weise bewegten, die eigentlich so gut wie unmöglich sein sollte. Statistisch gesehen sollte so etwas höchstens einmal stattgefunden haben – seit dem Urknall. Dies zeigt, welche Probleme Modelle mitunter damit haben, Risiken zu messen.

Doch hierfür gibt es keine einfache Lösung: Risiken sind Risiken, und selbst die besten Modelle können ihnen nicht vollends gerecht werden. Und je genauer die Modelle werden sollen, desto komplexer werden sie eben auch. Einige von ihnen sind mittlerweile so komplex, dass nur eine Handvoll Menschen sie überhaupt verstehen können. Eine derartige Komplexität macht sie anfällig für Fehler und Manipulationen.

Es gibt Studien, denen zufolge die Ergebnisse von internen Modellen nicht nur von den tatsächlichen Risiken beeinflusst werden, sondern auch davon, wie sie aufgebaut sind. Martin Hellwig mag Recht haben, wenn er behauptet, dass interne Modelle es möglicherweise Banken in der Praxis ermöglicht haben, Risiken zu unterschätzen, um ihre Eigenkapitalanforderungen zu senken. Dies trägt nicht gerade dazu bei, das Vertrauen in Banken wiederherzustellen.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass die Leverage Ratio gar nicht erst versucht, Risiken zu berechnen. Das allerdings gibt den Banken einen Anreiz, sich mit riskanteren Geschäften zu befassen. Auf der anderen Seite bietet der Standardansatz eine einfache Methode, das notwendige Eigenkapital auf Basis von Risiken zu berechnen. Er bleibt allerdings sehr allgemein, sodass Banken nach wie vor zu viel oder auch nicht genug Eigenkapital halten können. Interne Modelle schließlich versuchen Risiken so genau wie möglich abzubilden, doch sie sind anfällig für Fehler und Manipulationen und können ein trügerisches Gefühl von Sicherheit vermitteln.

Der Ansatz von Regulierung und Aufsicht: das richtige Gleichgewicht finden

Was soll man also tun? Es gilt ein Gleichgewicht zu finden zwischen zu einfachen und zu komplexen Lösungen. Der britische Ökonomen John Maynard Keynes hat gesagt: „Ich liege lieber ungefähr richtig als genau falsch.“

Zunächst muss Risikosensitivität im Kernbereich jeglicher Eigenkapitalvorschriften bleiben. Die Risiken, die eine Bank eingeht, müssen berücksichtigt werden, wenn man berechnet, wieviel Kapital sie halten muss. Gleichzeitig brauchen wir aber auch einige Sicherheitsmechanismen. Diese sind nötig, um solche Risiken abzufangen, die schwierig oder unmöglich zu modellieren sind.

Ein solcher Sicherheitsmechanismus ist die Leverage Ratio. Deshalb begrüßen wir die Tatsache, dass die Europäische Kommission nun vorgeschlagen hat, die Leverage Ratio in das EU-Recht aufzunehmen. Sie wird eine sinnvolle Ergänzung zu risikosensitiveren Ansätzen darstellen. Die Kombination aus risikosensitiven Eigenkapitalanforderungen und einer Leverage Ratio wird auch als „Belt-and-Suspenders“-Ansatz bezeichnet – man braucht beides, Gürtel und Hosenträger, damit die Hose immer da bleibt, wo sie hingehört.

Doch es könnte auch noch mehr Sicherungsmechanismen geben. Auf globaler Ebene diskutiert der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht weiterhin mehrere offene Punkte innerhalb des neuen Basel-III-Regelwerks. Einer dieser offenen Punkte ist ein „Output-Floor“, eine Untergrenze, für die internen Modelle, die die Banken zur Berechnung der Risikogewichte heranziehen. Diese Untergrenze soll gewährleisten, dass die mit den Modellen berechneten Risikogewichte nicht unter ein gewisses Niveau fallen.

Die Untergrenze könnte mögliche Modellfehler abschwächen und das Vertrauen in Risikogewichte und Eigenkapitalquoten stärken. Somit würde er als ein weiterer Sicherungsmechanismus für den risikosensitiven Ansatz fungieren. Die endgültige Ausgestaltung und Kalibrierung der Untergrenze werden noch immer diskutiert. Ziel ist es, zu verhindern, dass sich die Gesamtkapitalanforderungen an Banken insgesamt deutlich erhöhen. Eine schnelle Einigung ist entscheidend. Wir müssen das gesamte Basel-III-Paket abschließen, um sicherzustellen, dass ein globaler Standard geschaffen wird.

Aber es geht natürlich nicht nur um Sicherungsmechanismen. Die internen Modelle selbst sollten bereits verlässliche Risikogewichte berechnen. Und hier kommt die EZB ins Spiel. Wir haben in diesem Zusammenhang ein großes Projekt gestartet: die gezielte Überprüfung interner Modelle (Targeted Review of Internal Models) oder kurz: TRIM. Bisher ist TRIM das zweitgrößte von uns lancierte Projekt: nur das 2014 durchgeführte „Comprehensive Assessment“ war größer. Wir rechnen damit, dass TRIM 2019 abgeschlossen sein wird.

Mithilfe dieses Projekts wollen wir gewährleisten, dass die internen Modelle der Banken zuverlässig und vergleichbar sind. Ihre Ergebnisse sollten nur durch die tatsächlichen Risiken und nicht durch Modellierungsentscheidungen bedingt sein.

Um dieses Ziel zu erreichen, haben wir gerade einen Leitfaden veröffentlicht, in dem wir unsere Aufsichtspraktiken und unsere Auslegung des EU-Rechts zu internen Modellen darlegen. Dies wird einen gemeinsamen Ansatz beim Umgang mit den Modellen gewährleisten. Des Weiteren haben wir eine gemeinsame Methode für Vor-Ort-Prüfungen eingerichtet – im Jahr 2017 werden über 100 solcher Prüfungen durchgeführt. Mit ihnen sollen die internen Modelle für Kredit-, Markt- und Gegenparteirisiken beurteilt werden.

Die Banken müssen dann Maßnahmen gegen jegliche mangelnde Einhaltung des maßgeblichen EU-Rechts und unseres Leitfadens ergreifen. Dadurch wird gewährleistet, dass die Ergebnisse der internen Modelle auch tatsächlich auf die Risiken der Banken zurückzuführen sind. Die Modelle werden zuverlässiger, transparenter und vergleichbarer und das Vertrauen in ihre Ergebnisse wird gestärkt.

An dieser Stelle sei betont, dass wir nicht beabsichtigen, die Eigenkapitalanforderungen insgesamt zu erhöhen. Bei einzelnen Banken kann TRIM allerdings durchaus dazu führen, dass die Eigenkapitalanforderungen steigen oder fallen.

Schlussbemerkungen

Meine sehr verehrten Damen und Herren, Banken sind wichtig für die Wirtschaft: sie sorgen dafür, dass Kapital von den Sparern zu Kreditnehmern und Investoren fließen kann. Insbesondere in Europa spielen Banken eine wichtige Rolle für die Finanzierung der Wirtschaft. Deshalb müssen sie sicher und solide sein.

Und Eigenkapital ist entscheidend, damit dieses Ziel erreicht werden kann. Es sollte anhand der jeweiligen Risiken einer Bank berechnet werden, was Standardansätze sowie interne Modelle einschließt.

Die Leverage Ratio wird einen sinnvollen Sicherungsmechanismus für einen solchen risikosensitiven Ansatz darstellen. Dieselbe Funktion könnte der Output-Floor übernehmen, der derzeit vom Basler Ausschuss für Bankenaufsicht diskutiert wird. Diese Sicherungsmechanismen würden Hand in Hand gehen mit den Bemühungen der EZB, die internen Modelle zuverlässiger und vergleichbarer zu machen. Ich bin überzeugt, dass all diese Maßnahmen dazu führen werden, dass die Banken widerstandsfähiger werden und das Vertrauen in ihre Eigenkapitalpolster wächst.

Und betrachtet man die derzeitigen Niveaus dieser Polster, so gibt es Gutes zu berichten: seit 2012 ist die Eigenkapitalquote der großen Banken im Euro-Raum im Durchschnitt von 9 % auf über 13 % gestiegen. Wir begrüßen diese Entwicklung, da die Banken nun über dickere Eigenkapitalpolster gegen mögliche Verluste verfügen.

Wenn es darum geht, Risiken zu messen, sollten wir ehrgeizig, aber auch realistisch sein. Wir dürfen nicht der Illusion erliegen, dass jedes Risiko gemessen und modelliert werden könnte. Der Ansatz sollte eher sein, zu verhindern, dass übermäßige Risiken eingegangen werden. Und hierfür sind nicht immer komplexe Modelle oder Regelwerke erforderlich. Häufig sind der gesunde Menschenverstand und etwas Umsicht alles, was notwendig ist.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.



[1] Hellwig, M., & Admati, A. (2013). Des Bankers neue Kleider: Was bei Banken wirklich schief läuft und was sich ändern muss. FinanzBuch Verlag.

Ansprechpartner für Medienvertreter